19,2 km vor Santiago
Prolog
Barbara · 31. Mai 2026
Diesen Prolog schreibe ich am 31. Mai 2026 — 19,2 Kilometer vor Santiago de Compostela, am Ende des Camino Francés. Genau an jenem Punkt also, an dem mir vor vier Jahren mein Leben derart auf den Kopf gestellt worden war, dass ich damals einfach weiterlaufen musste.
Immer weiter.Trotz aller Einsamkeit.Trotz aller Enttäuschungen.Trotz Trauer.
Und trotz einer zwischenzeitlich existenziellen Armut, die ich mir vorher niemals hätte vorstellen können.
Schlussendlich ließ mich dieser erste Camino 4.800 Kilometer und sieben Monate lang nicht mehr los.
Verarbeitet hatte ich vieles davon in den vergangenen vier Jahren bereits. Doch tief in mir spürte ich, dass ich noch einmal zurückkehren musste — nicht mehr zum Überleben, nicht mehr zum Suchen, sondern um innerlich endgültig einen Schlussstrich ziehen zu können.
Nicht zufällig wählte ich dafür denselben Starttag wie damals: den 29. April. Ich glaubte, ich würde zurückkommen, um einen Weg abzuschließen.
Doch dann kam der 2. Mai.
An diesem Tag lernte ich „den Boten“ kennen — in der Herberge in Estella, wo ich an diesem Abend erst nach 40 Kilometern ankam, davon 25 bei Starkregen und Gewitter, da es vorher keine einzige Herberge gab, die Platz für zwei Pilgerinnen hatte.
Mir wurde das Bett über dem Boten zugeteilt.
Wahrscheinlich auch besser so, denn der Bote wiegt gut dreißig Kilo mehr als ich — und die Betten in manchen Herbergen wirken nicht immer so, als seien sie für größere Abenteuer gebaut worden.
Schon bei unserer ersten Unterhaltung sagte er zu mir, er sei weder Pilger noch Wanderer. Er wolle einfach nur nach Lissabon.
Ich musste so lachen.
„Sie wissen schon, dass das auch schneller geht? Dafür müssen Sie keine 1.400 Kilometer laufen.“
Und irgendwie war in diesem Moment der Bann gebrochen.
Am nächsten Morgen brach ich mit meiner Mitpilgerin wieder auf. Bevor ich ging, riss ich ihm ein kleines Stück des Transportzettels für die Rucksäcke ab, worauf meine Telefonnummer stand.
Falls er möchte, könne er sich ja melden.
Mit anderen Mitpilgern hatte ich Nummern oft direkt ausgetauscht, wenn man sich sympathisch war. Hier war es anders. Viel vorsichtiger. Irgendwie wollte ich es seiner Entscheidung überlassen — oder dem Wink des Schicksals — ob man noch einmal in Kontakt kommen sollte.
Einen Tag später meldete er sich.
Vier Tage später trafen wir uns wieder.Und von diesem Moment an wurde aus meinem Camino ein gemeinsamer Camino.
Am 9. Mai, kurz vor Burgos, las mir der Bote ein Gedicht vor, in dem ich meinen eigenen Weg wiedererkannte.
Während ich zuhörte, wurde mir plötzlich klar, dass dieses Gedicht nicht einfach nur Worte enthielt.
Es war mein Weg.Mein Leben.Meine gesamte Entwicklung.
Zum ersten Mal verstand ich, dass all die Jahre des Kämpfens, Suchens, Durchhaltens und Fallens einer inneren Ordnung gefolgt waren. Und in diesem Moment begriff ich etwas noch Größeres: Dass mir durch diese Begegnung nicht nur ein Gedicht geschickt worden war — sondern die Struktur meines Buches.
Da er seinen Nachnamen im Rahmen dieses Buches nicht verwenden möchte, nenne ich ihn hier bei seinem Vornamen: Waldemar. Ein Bote war er für mich trotzdem.
Nicht, weil er gekommen wäre, um mir Antworten zu geben. Sondern weil durch ihn plötzlich etwas in mir sichtbar wurde, das vorher zwar längst vorhanden gewesen war, aber noch keine klare Form hatte.
Und so begleitet er mich im weiteren Verlauf dieses Buches: als Waldemar.
Und das Erstaunlichste daran: Von all dem Schweren, das meinen Camino 2022 geprägt hatte, wiederholte sich dieses Mal nichts. Wirklich gar nichts.
Diese 32 Tage waren geprägt von Leichtigkeit, Freude, Erkenntnissen und reiner Lebensfreude. Noch verstärkt durch viele bereichernde Begegnungen unterwegs — und getragen von einer Offenheit zwischen Waldemar und mir, wie wir sie in dieser Form beidseitig noch nie erlebt hatten.
Nicht durch große Inszenierungen.Nicht durch Perfektion.Sondern durch Ehrlichkeit und schonungslose Offenheit.
Durch zwei Menschen, die begannen, sich ohne Rollen, ohne Schutzmauern und ohne gesellschaftliche Masken zu begegnen.
Und so entstanden plötzlich zwei autobiografische Romane in einem.
Zwei Wege.Zwei Perspektiven.
Eine männliche und eine weibliche Sicht auf das Leben, auf Schmerz, Hoffnung, Verlust, Sehnsucht und Entwicklung. Geprägt von unterschiedlichen Zeiten, unterschiedlichen sozialen Wirklichkeiten — und doch verbunden durch denselben Weg.
Den Camino.
Porto · Ende des Weges
Schlusskapitel vor dem Epilog
Manchmal glaubt man, den Weg bis zum letzten Schritt geplant zu haben. Noch am Abend sprechen zwei Menschen darüber, wie sie gemeinsam die letzten zweihundert Kilometer bis Lissabon laufen werden. Und am nächsten Morgen genügt ein einziger Satz, um alles zu verändern. Waldemar erzählte mir, dass er noch am selben Tag nach Deutschland fliegen müsse. Seine Mutter brauche ihn dringend. Von einer Minute auf die andere zerbrach nicht unsere Verbindung – sondern unsere Planung. Es war, als würde einem jemand den Boden unter den Füßen wegziehen. Eben noch war die Zukunft klar gewesen. Im nächsten Augenblick war nichts mehr so, wie wir es uns vorgestellt hatten.
Zunächst wollte ich alleine weitergehen. Nach über 1300 gemeinsamen Kilometern schien es für mich selbstverständlich, den Camino für uns beide bis Lissabon zu Ende zu laufen.
Mit meinem fünfzehn Kilogramm schweren Rucksack lief ich zehn Kilometer durch tiefen Sand entlang des Atlantiks. Diese zehn Kilometer gehörten zu den härtesten des gesamten Caminos. Körperlich waren sie anstrengender als manche vierzig Kilometer auf normalen Wegen. Zwischen Praia de Mira und Tocha gab es nichts – kein Café, keine Lademöglichkeit, keinen Handyempfang, keine Infrastruktur. Vor allem aber begegnete mir auf diesen zehn Kilometern kein einziger Mensch. Nach Wochen auf einem oft überfüllten Camino war diese völlige Stille beinahe unwirklich. Es gab nur das Meer, den Sand, den Wind und mich. Mein Handy war leer, das GPS ausgefallen. Ich wusste einen Moment lang nicht einmal mehr genau, wo ich war. Erst ganz am Ende dieser Strecke begegnete ich einer deutschen Frau, die mit ihren zwei Hunden im Wohnmobil unterwegs war. Ihr Wohnmobil war glücklicherweise mit WLAN ausgestattet. Sie ließ mich mein Handy laden und ihr WLAN nutzen. Erst dadurch konnte ich Waldemar schreiben.
Und genau in diesem Moment geschah etwas, womit ich selbst nicht gerechnet hatte.
Mitten zwischen Meer, Sand und Erschöpfung wurde mir plötzlich klar:
Ich fahre ebenfalls nach Deutschland.
Nicht aus Angst. Nicht aus Schwäche. Sondern weil das Leben gerade einen anderen Weg für uns vorgesehen hatte.
Vielleicht endet unser gemeinsamer Camino nach über 1300 Kilometern tatsächlich in Praia de Mira. Vielleicht wartet er aber genau dort auf uns, bis wir beide zurückkehren und gemeinsam weiterlaufen – nach Lissabon oder vielleicht sogar bis zum Ende der Algarve.
Als ich Waldemar schrieb, wollte er sofort, dass ich nach Porto zurückkomme. Er bot sogar an, mein Taxi zu bezahlen. Am Abend saßen wir wieder zusammen. Zwischen uns lag eine Nähe, die kaum in Worte zu fassen ist. Gleichzeitig blieb die Grenze bestehen, die ich für mich gesetzt hatte. Manche Entscheidungen trifft man nicht gegen den anderen, sondern für sich selbst.
Am nächsten Morgen stand ich früh auf, während Waldemar noch schlief. Ich ging allein durch Porto und fotografierte die Orte, die für uns beide eine besondere Bedeutung bekommen hatten. Es waren keine Sehenswürdigkeiten mehr. Es waren Erinnerungen an zwei Monate, die unser Leben verändert haben.
Am 27. April hatte jeder von uns seine Haustür geschlossen und war allein aufgebrochen. Keiner von uns ahnte, dass sich unsere Wege wenige Tage später kreuzen und wir mehr als 1300 Kilometer gemeinsam gehen würden.
Am 27. Juni saßen wir gemeinsam in einem Café in Porto und warteten darauf, zusammen zum Flughafen zu fahren. Waldemar flog nach Nürnberg. Ich machte mich über Paris und Metz auf den Weg nach Hause. Genau zwei Monate nach unserem jeweils ganz eigenen Aufbruch trennten sich unsere Wege zunächst wieder.
Es hätte kaum einen passenderen Schlusspunkt für diesen Abschnitt unseres Weges geben können.
Auf diesen über 1300 Kilometern durfte ich unzählige wunderbare Menschen kennenlernen.
Da war meine liebste Pilgerfreundin Dangby, vor deren Leistung ich die allergrößte Hochachtung habe. Trotz ihrer körperlichen Beeinträchtigung ist sie ihren Weg mit einer Stärke, Würde und Lebensfreude gegangen, die mich tief beeindruckt hat.
Da waren meine lieben Schweizer Freunde Dominik und Selina. Selina, gerade einmal 23 Jahre alt, hatte den Mut, sich ihrem vielleicht größten Trauma zu stellen – dem Tod ihres Vaters, als sie erst fünf Jahre alt war. Ich wünsche ihr von Herzen, dass dieser Camino der Beginn eines neuen inneren Friedens war.
Und Dominik – die coole Socke, mit der man stundenlang tiefgründige Gespräche führen konnte. Ich wünsche ihm von Herzen, dass er eines Tages bei Tinder abmelden kann, weil er seine Bindungsängste überwunden hat und die Frau gefunden hat, mit der er wirklich gemeinsam durchs Leben gehen möchte.
Dann war da Christian mit seinem Zelt. Persönlich begegneten wir uns nur zweimal, weil er den absoluten Turbo eingeschaltet hatte. Teilweise lief er bis zu 79 Kilometer an einem einzigen Tag. Noch bevor wir am 31. Mai Santiago erreichten, war er bereits in Porto angekommen. In ihm erkannte ich einen Teil von mir selbst wieder – diesen enormen Leistungswillen, dieses ständige Antreiben und dieses Bedürfnis, sich immer wieder beweisen zu müssen. Wahrscheinlich hätte ich ohne Waldemar ebenfalls weiter versucht, immer neue Kilometerrekorde aufzustellen. Dabei hätte ich vermutlich vieles von dem übersehen, was rechts und links des Weges lag – die Menschen, die Begegnungen, die kleinen Wunder und das eigentliche Geschenk des Caminos.
Und schließlich begegnete mir Waldemar.
Ein Mensch, bei dem ich mich zum ersten Mal in meinem Leben vollkommen angenommen, verstanden und als Ganzes fühlte. Ich hätte nie gedacht, dass ein anderer Mensch mein Herz noch einmal so tief berühren könnte. Zwei Menschen, die sich begegneten, ohne zu wissen, dass sich ihre Wege kreuzen würden. Zwei Menschen, die gemeinsam über 1300 Kilometer gingen, ohne zu wissen, wie lange dieser gemeinsame Weg dauern würde. Vielleicht nur Wochen. Vielleicht Monate. Vielleicht ein Leben. Das weiß niemand. Und genau darin liegt vielleicht die größte Schönheit des Lebens.
Der Camino hat mir noch einmal gezeigt, dass wir Menschen glauben, wir würden unseren Weg planen. In Wahrheit genügt manchmal ein einziger Augenblick, und das Leben schreibt unsere Geschichte neu. Nicht gegen uns, sondern für uns.
Dies alles schrieb ich an diesem Morgen in einem kleinen Café in Porto. Vor mir stand ein herzhaft belegter Toast, den ich kaum anrührte. Während ich schrieb, liefen mir ununterbrochen die Tränen über das Gesicht. Irgendwann bemerkte ich, dass die Menschen an den Nachbartischen immer wieder zu mir herüberschauten. Wahrscheinlich fragten sie sich, was geschehen war.
Doch seiner Tränen braucht sich kein Mensch zu schämen. Im Gegenteil. Tränen sind Ausdruck dessen, was Worte oft nicht mehr sagen können. Sie erleichtern die Seele. Und genau das ist gut so.
Der Camino entscheidet nicht nur, wann er einen ruft. Manchmal entscheidet er auch, wann er einen wieder nach Hause schickt. Und beides hat seinen Sinn.